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Sie öff­nete am Sams­tag den Brief­kas­ten und fischte einen neu­tra­len Brief­um­schlag her­aus, Absen­der Frau­en­arzt­pra­xis XXX. Ver­wun­dert und mit klop­fen­dem Her­zen öff­nete sie den Umschlag. Unter­zeich­nende war eine Ärz­tin der Gemein­schafts­pra­xis, nicht ihre behan­delnde Ärz­tin. Sie hatte vor drei Mona­ten eine Krebs­vor­sor­ge­un­ter­su­chung machen las­sen und wun­derte sich über die späte Reak­tion. Nüch­tern wurde sie auf­ge­for­dert, sich für einen neuen Ter­min mit der Pra­xis in Ver­bin­dung zu set­zen, da die Zyto­lo­gie Auf­fäl­lig­kei­ten erge­ben habe. Wumm! Die­ser nüch­terne Satz saß! Sofort sprang das Kopf­kino an, zeig­ten sich Hor­ror­sze­na­rien von schlim­mer Krebs­er­kran­kung, frü­hem Tod und den Gedan­ken, sie habe doch noch so viel vor.

Im nächs­ten Moment sam­melte sie sich und ver­suchte sich zu beru­hi­gen. Im Tele­fo­nat mit ihrer Freun­din sprach sie ihre Ängste und die selt­same For­mu­lie­rung an. Warum hatte man sie nicht ange­ru­fen? Warum setzte sich nicht ihre Ärz­tin mit ihr in Ver­bin­dung? Wieso musste eine sol­che Nach­richt am Wochen­ende ankom­men, wo sie keine Reak­ti­ons­mög­lich­keit hatte?

Nach der ers­ten Auf­re­gung beschloss sie, sich so gut es ging abzu­len­ken. Ein lan­ger Spa­zier­gang und ein Kaf­fee bei der Freun­din lie­ßen sie ruhi­ger wer­den. Sie erin­nerte sich an eine Fort­bil­dung zum Thema Resi­li­enz und machte einige Übun­gen dar­aus. Schrieb sich alle Sze­na­rien auf, sowohl die guten als auch die schlech­ten, machte Atem­übun­gen und nutzte beru­hi­gende Öle. Ein lan­ges Bad tat ihr beson­ders gut.

Am Mon­tag war sie die erste Pati­en­tin in der Pra­xis, auf­ge­regt, mit unter­drück­tem Ärger und zit­tern­den Hän­den. Die freund­li­che Sprech­stun­den­hilfe hörte sich ihre Schil­de­rung an und zeigte viel Empa­thie. Unver­züg­lich ging sie zu der anwe­sen­den Ärz­tin, die eben­falls sofort reagierte. Im Behand­lungs­zim­mer erklärte sie ihr deut­lich den Befund. Es war keine Ver­än­de­rung des Zell­ge­we­bes, son­dern ein Virus, der bei dem letz­ten Abstrich vor drei Jah­ren noch nicht nach­zu­wei­sen war. Sie ent­schul­digte sich mehr­fach bei der Pati­en­tin. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­näle seien so nicht mit den Mit­ar­bei­te­rin­nen abge­spro­chen wor­den. Es sei üblich, dass die behan­delnde Ärz­tin die Pati­en­tin tele­fo­nisch infor­miere, damit Nach­fra­gen gleich geklärt wer­den kön­nen. Lei­der habe sie kei­nen Ein­fluss auf die Zustel­lung der Post, aber zukünf­tig wolle man ver­su­chen, sol­che Benach­rich­ti­gun­gen bis Mitt­wochs abzu­schi­cken.

Immer wie­der hören wir von sol­chen gro­ben Kom­mu­ni­ka­ti­ons­feh­lern. Nie­mand macht sich Gedan­ken, was es in den Patienten*innen aus­löst, mit sol­chen Nach­rich­ten über das Wochen­ende alleine gelas­sen zu wer­den! Es ist an der Zeit, Acht­sam­keit und Empa­thie in den Pra­xen und bei den Ärz­ten zu wecken. Manch­mal ver­lie­ren sie den Blick für den Men­schen hin­ter der Dia­gnose.

Mein Tipp: Reden Sie mit Ihrem Arzt, ihrer Ärz­tin dar­über. Machen Sie sie auf­merk­sam für die Nöte der Erkrank­ten. Oft sind nur kleine Ände­run­gen im Pra­xis­ab­lauf nötig, damit sol­che trau­ma­ti­schen Vor­fälle nicht mehr gesche­hen.