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Gesprä­che mit Sterbenden

„Fin­det immer den Mut zu spre­chen und den Wil­len Dinge zu klä­ren, denn Stille wiegt schwer wie ein Stein. Und Steine wer­den zu Mau­ern und Mau­ern tren­nen Men­schen.“ (Ver­fas­ser unbekannt)

Ich glaube, das schwie­rigste  Gespräch, was Men­schen füh­ren müs­sen irgend­wann ein­mal in ihrem Leben, ist das Gespräch mit Sterbenden.

Und wenn dann diese Ster­ben­den auch noch Ange­hö­rige sind, geliebte Men­schen, dann wird es noch mal schwe­rer, weil die eigene Betrof­fen­heit schwe­rer wiegt, man in sei­nen eigene Gedan­ken gefan­gen ist.

 

Angst ist die Hauptemo­tion sol­cher Gespräche

Jedes die­ser Gesprä­che ist ein Gespräch gegen die Angst. Die Angst auf bei­den Seiten.

Auf der Seite des Pati­en­ten, des Sterbenden:

  • weil er geliebte Men­schen zurück las­sen muss,
  • weil er Angst hat vorm dem Pro­zess des Sterbens,
  • weil er Angst hat vor Schmerzen,
  • weil er Angst hat vor der Ungewissheit.

Was kommt danach? Kei­ner kann’s erzählen.

Und der zurück Blei­bende hat die gro­ßen Ängste:

  • Wie komme ich alleine zurecht?
  • Werde ich Hilfe finden?
  • Werde ich durch die­sen Trau­er­pro­zess durch­ge­hen kön­nen ohne Scha­den zu nehmen?

 

Seien Sie wahrhaftig!

Diese Angst zeigt sich, manch­mal in Sprach­lo­sig­keit, manch­mal in Wut, manch­mal in unsäg­li­cher vor­weg genom­me­ner Trauer.

Und wie sol­len wir die­ser Angst, die­ser Sprach­lo­sig­keit begegnen?

Es gibt kein All­ge­mein­re­zept! Und ich habe sicher­lich auch nicht DAS Schwei­zer Taschen­mes­ser für Gesprä­che mit Ster­ben­den. Aber ich kann aus vie­len Beglei­tun­gen sagen, dass das A und O Ehr­lich­keit, Authen­ti­zi­tät, Wahr­heit am Kran­ken­bett ist. Nicht drum herum reden.

Man kann auch wert­schät­zend Dinge aus­spre­chen, die einem noch auf dem Her­zen lie­gen, die man immer noch klä­ren wollte.

Dinge, die man viel­leicht noch fra­gen wollte. Dinge sagen, die man bis­her noch nie gesagt hat.

 

Es gibt kein all­ge­mein­gül­ti­ges Rezept für das Gespräch mit Sterbenden

Es soll kein Schau­spie­lern sein, es soll kein Ver­ste­cken sein. Es soll das Herz spre­chen. Empa­thisch wol­len wir sprechen.

Man kann in einem sol­chen Gespräch nichts falsch machen. So lange man empa­thisch, wert­schät­zend reagiert.

Vor­würfe zu machen, hat am Kran­ken­bett kei­nen Sinn, denn das sind lang ver­gan­gene Dinge, die man jetzt nicht mehr lösen kann auf den letz­ten Metern. Ent­schei­den ist, dass auch eigene Gefühle ange­spro­chen wer­den. Schil­dern Sie dem Ster­ben­den, wie Sie sich dabei füh­len, wel­che Ängste Sie haben. 

 

DIE große Frage am Lebens­ende im Ange­sicht der Endgültigkeit

Und dann kommt die große Frage. Was war das, unser Leben?

Ich möchte Sie ein­la­den, nicht nur auf den Ver­lust zu schauen, son­dern auch zu the­ma­ti­sie­ren, was man alles gemein­sam erlebt hat, was man geschafft hat. Wie viele schöne Momente es im Leben gab.

Viel­leicht,  dass man wun­der­bare Kin­der mit­ein­an­der hat, Enkel­kin­der.
Viel­leicht auch ein Haus gebaut, wun­der­bare Rei­sen gemacht.
Mal aus­ge­bro­chen ist, irgend­wel­che Par­tys, an die man sich erin­nert.
The­ma­ti­sie­ren Sie auch diese Dinge. Sie neh­men dem Gan­zen die Schwere. Ster­ben ist für beide Sei­ten nicht leicht. Natür­lich nicht, weil es so end­gül­tig ist.

Und dem, der zurück bleibt, dem wird diese End­gül­tig­keit auch ganz schmerz­haft bewusst. 
Dass es kein Zurück mehr gibt. Dass es nur noch ein nach vorne gibt. Aber in getrennte Rich­tun­gen.
Und das ist wahr­schein­lich das, was sich so schwer aus­hal­ten lässt.

 

Die Zukunft ansprechen

Wenn es für beide stim­mig ist, ist es auch eine Mög­lich­keit über die Zukunft zu reden. Das scheint Ihnen sicher­lich jetzt ganz schwer vorstellbar.

Wenn Sie zum Bei­spiel Ihren Vater ver­lie­ren, Ihre Mut­ter ver­lie­ren, ja was hat Zukunft damit zu tun? „Ich kann mei­ner Mut­ter doch jetzt nicht erzäh­len, wie wird es sein wird ohne sie.“  Aber Sie kön­nen eine Vision ent­wi­ckeln mit ihr. Was sie sich für Sie wünscht, was Sie sich wün­schen. An was Sie sich immer erin­nern wer­den, wenn von ihr oder ihm die Rede ist.

Das macht es bei­den Sei­ten leich­ter, gemein­sam emp­fun­dene Erleb­nisse, gemein­sa­mes Lachen miteinander.

Man darf auch am Ster­be­bett lachen.

Humor ist Medi­zin für die Seele, für die trau­ernde Seele.

 

Das Los­las­sen aussprechen

Und irgend­wann wird der Moment kom­men, dass Sie dem ster­ben­den Men­schen sagen kön­nen: „Du darfst gehen!“

Und auch wenn Sie den Ein­druck haben, dass der Mensch gar nicht mehr bei Bewusst­sein ist, es ist wis­sen­schaft­lich nach­ge­wie­sen, dass die Ohren, das Hören der letzte Sinn ist, der geht. Auch jetzt kön­nen und sol­len Sie noch wei­ter mit dem Ster­ben­den spre­chen und ihm sagen: „Alles ist gut“, „Du hast dich auf einen Weg gemacht und ich lasse dich frei“.

Das mag sich viel­leicht jetzt erst mal sehr befremd­lich anhö­ren, denn man möchte ihn nicht frei las­sen, man möchte, dass er bleibt. Man möchte nicht ohne ihn leben.

Den­noch tren­nen sich die Wege irgend­wann und das ist nicht mehr in unse­rer Macht. Da wer­den wir auch nicht mehr hel­fen können.

 

Pal­lia­tive Sedie­rung als eine Mög­lich­keit der Unterstützung

Und wenn der ster­bende Mensch sehr starke Schmer­zen hat und immer wie­der darum bit­tet „Wann ist es end­lich vor­bei? Ich halte es nicht mehr aus! Bitte erlöst mich!“?

Die aktive Ster­be­hilfe ist in Deutsch­land ver­bo­ten. Aber was mög­lich ist, ist eine pal­lia­tive Sedierung.

Das heißt, der Mensch schläft im wahrs­ten Sinne des Wor­tes auf die andere Seite hinüber.

Dafür ist aber sein Wille, sein bekun­de­ter Wille not­wen­dig. Reden Sie früh­zei­tig über die Mög­lich­keit, sowohl mit dem Arzt als auch mit Ihrem Ange­hö­ri­gen, Zuge­hö­ri­gen, mit die­sem Men­schen, den Sie beglei­ten, ob das für ihn eine Option wäre. Man­che möch­ten ihren Tod auch ganz aktiv mit­er­le­ben, soweit es eben mög­lich ist. Man­che sehen auch Lei­den als Lebenszweck. 

Wir haben keine Stunde in den Schu­hen des ande­ren gestan­den und jeder stirbt sei­nen eige­nen Tod. 

 

Bedürf­nis­ori­en­tiert sterben

Und es ist mir sehr wich­tig, Ihnen zu sagen: Bitte las­sen Sie dem Ster­ben­den seine Auto­no­mie, soweit es irgend­wie geht. Er bestimmt sein Tempo selber.

Seien Sie nicht trau­rig, wenn der Mensch genau in dem Moment sei­nen letz­ten Atem­zug tut, wäh­rend Sie gerade den Raum ver­las­sen haben, sich viel­leicht  eine Tasse Kaf­fee geholt haben, sich viel­leicht eine warme Jacke ange­zo­gen haben.

Ich weiß wie sich das anfühlt. Ich habe Stun­den bei mei­ner Mut­ter geses­sen, bin nur kurz her­aus gegan­gen, es waren keine fünf Minu­ten und als ich wie­der­kam, war sie verstorben.

Aber es war gut so. Denn viele Men­schen kön­nen im Ster­be­pro­zess dann nicht ertra­gen, wenn ihre Liebs­ten bei ihnen sind.  Sie möch­ten alleine gehen. Men­schen spü­ren das!

Und wenn dann sol­che Sätze kom­men wie „Ich glaube, da kommt der Bus, mein Zug fährt gleich, hast du meine Tasche gepackt, “ kön­nen das Zei­chen dafür sein, dass die letzte Phase ein­ge­läu­tet ist. Die Ster­ben­den spü­ren, der Ster­be­pro­zess ist da, die finale Phase, es wird jetzt bald soweit sein.

 

Gott gab uns zwei Ohren und einen Mund, damit wir mehr hören als reden.

Ich möchte ihnen noch ein klei­nes Zitat aus dem Buch „Momo“ von Michael Ende mit­ge­ben, in dem es um das Zuhö­ren geht:

„Was die kleine Momo konnte wie kein ande­rer, das war: zuhö­ren. Das ist nichts Beson­de­res, wird nun man­cher Leser sagen, zuhö­ren kann doch jeder. Aber das ist ein Irr­tum. Wirk­lich zuhö­ren kön­nen nur ganz wenige Men­schen. Und so wie Momo sich aufs Zuhö­ren ver­stand, war es ganz und gar ein­ma­lig. Momo konnte so zuhö­ren, dass dum­men Leu­ten plötz­lich sehr gescheite Gedan­ken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den ande­ren auf sol­che Gedan­ken brachte, nein, sie saß nur da und hörte ein­fach zu,  mit aller Auf­merk­sam­keit und aller Anteil­nahme. Dabei schaute sie den ande­ren mit ihren gro­ßen, dunk­len Augen an und der Betref­fende fühlte, wie in ihm auf ein­mal Gedan­ken auf­tauch­ten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie ihn ihm steck­ten. Sie konnte so zuhö­ren, dass rat­lose oder unent­schlos­sene Leute auf ein­mal ganz genau wuss­ten, was sie woll­ten. Oder, dass Schüch­terne sich plötz­lich frei und mutig fühl­ten. Oder,  dass Unglück­li­che oder Bedrückte zuver­sicht­lich und froh wur­den.  Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz ver­fehlt und bedeu­tungs­los und er selbst nur irgend­ei­ner unter Mil­lio­nen, einer,  auf den es über­haupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt wer­den kann wie ein kaput­ter Topf — und er ging hin und erzählte alles das der klei­nen Momo, dann wurde ihm, noch wäh­rend er redete, auf geheim­nis­volle Weise klar, dass er sich gründ­lich irrte, dass es ihn genauso wie er war, unter allen Men­schen nur ein ein­zi­ges Mal gab und dass er des­halb auf seine beson­dere Weise für die Welt wich­tig war. So konnte Momo zuhö­ren.“ 

 

Berüh­run­gen sind nicht immer notwendig

Einen Ster­be­pro­zess zu beglei­ten, heißt auch häu­fig ein­fach nur da sein. Es geht  noch nicht mal um Berüh­rung. Wenn Sie den Men­schen berüh­ren möch­ten, legen Sie Ihre Hand unter seine. Dann kann er sel­ber ent­schei­den, ob er sie grei­fen möchte oder nicht. Sie hal­ten ihn nicht fest, son­dern geben Halt, falls gewünscht.

Manch­mal reicht es, wenn Men­schen nur im Raum sind, ein­fach nur da sind, ein­fach nur zuhören.

Und dann redet die Stille.

 

Beide Sei­ten brau­chen eine Pause vom Sterben

Ein letz­ter Impuls: Beide Sei­ten, sowohl der Beglei­tende als auch der Ster­bende, brau­chen auch schon mal eine Pause vom Ster­ben. Was meine ich damit? Sie dür­fen auch über leichte Dinge reden. Sie dür­fen sich auch eine Aus­zeit neh­men. Beide Seiten.

Was für den einen der Schlaf ist, ist für den ande­ren viel­leicht die kleine Runde um den Block.

Ver­aus­ga­ben Sie sich nicht ganz! Das würde Ihr Liebs­ter auch nicht wol­len. Sie brau­chen Ihre Kraft noch.

Wis­sen Sie, das ist wie als wenn Sie in einem Flug­zeug sitzen.

Sie müs­sen zuerst sich die Atem­maske auf­set­zen bevor Sie ande­ren Men­schen hel­fen kön­nen und denen die Maske auf­set­zen. Und genau so ist es auch im Sterben.

Ich wün­sche Ihnen gute, acht­same, wert­volle, lie­be­volle Gespräche.

 

Marlis Lamers - Kommunikation Wortlos

Als Gefühls­dol­met­sche­rin ist es mir wich­tig zu reden, wo andere schwei­gen. The­men wie Sexua­li­tät in der Pflege, Ekel und Scham dür­fen kein Tabu blei­ben! “Die Angst zeigt den Weg!” ist einer mei­ner Maximen. 

Mit Mut und Hal­tung fin­den wir eine Mög­lich­keit, diese The­men auch in Ihren Ein­rich­tun­gen wert­schät­zend und mit Weit­blick zu behandeln.